Übernimmt Deutschland genügend Verantwortung? – Ein Schülerkommentar zum Genocide Remembrance Day
Die deutsche Erinnerungskultur gilt oft als vorbildlich. Besonders die Verbrechen des Nationalsozialismus werden in den Schulen, Medien und der Politik intensiv aufgearbeitet. Doch ein anderes Kapitel deutscher Geschichte bekommt bis heute deutlich weniger Aufmerksamkeit: die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia. Gerade im Hinblick auf den anstehenden Gedenktag am 28. Mai stellt sich die Frage: Übernimmt Deutschland genug Verantwortung für die Verbrechen in seiner ehemaligen Kolonie?
Zwischen den Jahren 1884 und 1915 war das Land Namibia unter dem Namen „Deutsch-Südwestafrika“ eine deutsche Kolonie. Deutsche Siedler verdrängten die einheimischen Volksgruppen Herero und Nama und nahmen Stück für ihr Land einß Als 1904 ein Aufstand von Seiten der Herero stattfand, die sich gegen die Unterdrückung wehren wollten, reagiert das Deutsche Kaiserreich mit extremer Gewalt und der deutschen Kolonie wurde die Vernichtung befohlen. Über 65.000 Herero und etwa etwa 10.000 Nama starben. Sie wurden verfolgt, erschossen, in die Wüste getrieben oder in Konzentrationslager gesperrt. Heutzutage gilt dies als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts.
Meiner Meinung nach übernimmt Deutschland bis heute nicht genug Verantwortung für diese grausamen Verbrechen. Zwar hat die Bundesregierung den Genozid inzwischen offiziell anerkannt, doch dies geschah erst 2021 – also mehr als 100 Jahre zu spät. Dies zeigt, wie lange deutsche Kriminalgeschichte verdrängt wurde. Namibia scheint in der deutschen Öffentlichkeit kaum eine Rolle zu spielen. Der Umgang mit Entschädigungen ist zudem problematisch. Deutschland sagte Namibia zwei 1,1 Milliarden Euro Unterstützung zu bezeichnet die Summe jedoch als Entwicklungshilfe und nicht als offizielle Wiedergutmachung. Viele Vertreter der Herrero und Nama fühlen sich dadurch nicht ernst genommen. Entwicklungshilfen wirken freiwillig und großzügig, während echte Entschädigungen ein echtes Schuldgefühl und Eingeständnis darstellen würden. An den Verhandlungen sind außerdem kaum Vertreter der beiden Gruppen anwesend. Dadurch entsteht der Eindruck, dass erneut über sie entschieden wird, ohne, dass sie mitreden dürfen. Die Kolonialherrschaft ist bis heute sichtbar in Namibia. Große Teile Land gehören immer noch weißen, deutschstämmigen Landwirten, deren Familien das Land nach dem Genozid erhielten. Viele Herero und Nama leben in Armut.
Gleichzeitig muss man anerkennen, dass Deutschland aber erste Schritte zur Aufarbeitung in die Wege geleitet hat. Die offizielle Anerkennung des Völkermord war immens wichtig, ebenso die finanzielle Unterstützung und die, wenn auch nur langsam, zunehmende öffentliche Diskussion.
Insgesamt zeigt sich das Deutschlands zwar begonnen hat, Verantwortung zu übernehmen, dies aber noch nicht ausreicht. Erinnerung darf nicht nur aus Worten bestehen, sondern muss konkrete Folgen haben. Dazu gehören meiner Meinung nach die ehrlichere und offenere Aufarbeitung der Kolonialgeschichte, eine stärkere Beteiligung der Herrero und Nama sowie gerechtere Lösungen bei Entschädigung und Landfragen. Der Gedenktag soll am 28. Mai nicht nur in die Vergangenheit erinnern, sondern Deutschland dazu verpflichten sich auch heute noch aktiv mit den Folgen seiner Kolonialherrschaft auseinanderzusetzen.
von Cathrin Hinsen (Q1)
